Therapie-Mythen

Quelle: Cavallo

Dubiose Wunderheiler hauen Pferden mit dem Gummihammer auf die Kruppe oder ziehen an den Beinen. Doch ist das gesund?
Wir lösen zehn hartnäckige Osteopathie-Mythen auf und entlarven Scharlatane.

Fotos: Rödlein / Cavallo

1. Gute Therapeuten erkennen das Problem auf einen Blick.

Schön wär‘s, stimmt nur nicht. Man sieht zwar häufig sofort, dass es dem Tier  nicht gut geht und wo es muskuläre Probleme hat, mehr erkennt man aber nicht. Welche Gelenke blockiert sind können selbst die besten Heiler nicht auf den ersten Blick feststellen. 
Das wird erst deutlich, wenn sich das Pferd bewegt. Und selbst das ist knifflig. Pferde können blockierte Gelenke entlasten, indem sie ihre Körperhaltung ändern und andere Teile stärker belasten (Kompensation). Diese Schonhaltungen können dazu führen, dass Blockaden vom Reiter anfangs nicht bemerkt werden. Der Zustand verschlimmert sich, und plötzlich hinkt das Pferd.
Gute Therapeuten lassen sich davon nicht verwirren. Sie quetschen den Besitzer regelrecht aus, lassen sich das Pferd im Schritt und Trab vorführen und überprüfen mit ihren Händen die Muskulatur sowie die Beweglichkeit der Gelenke, bevor sie eine Diagnose stellen.
Seriöse Therapeuten kontrollieren ebenfalls Sattel und Trense. Manchmal lassen sie sich auch das Pferd vorreiten.
Zunehmend sind unpassendes Equipment oder schlechtes Reiten das Problem

 

Manche Ursachen lassen sich erst nach einer medizinischen Untersuchung offenbaren: Auch nierenkranke Pferde können lahmen, Tiere mit Magengeschwüren steif sein und bockende Pferde Bauchschmerzen haben.

2. Nervöse Pferde dürfen bei der Therapie ruhiggestellt werden.
Auf keinen Fall. Es ist sogar gefährlich nervöse Tiere vor der Behandlung mit Medikamenten zu beruhigen.

Riskant ist es deshalb, weil der Therapeut beim Abstreichen nicht erkennen kann, an welchen Stellen das Pferd Schmerzen hat. Normalerweise würde sich das Tier dort nicht anfassen lassen, Abwehrbewegungen machen oder zumindest die Ohren anlegen. Sedierten Pferden ist die Untersuchung gleichgültig. Eine richtige Diagnose ist nicht möglich.

Auch die Behandlung von ruhiggestellten Pferden birgt Gefahren. Der Therapeut mobilisiert etwa nichtsahnend ein arthrotisches Gelenk, und das Tier  hat danach stärkere Schmerzen als vorher. Man braucht ständig eine Rückmeldung vom Tier, ob ihm die Handgriffe guttun. Bei manchen Übungen muss das Tier auch aktiv mithelfen. Dafür muss es hellwach sein.

3. Therapeuten renken Gelenke wieder ein. 
Das ist Quatsch. Gelenke können gar nicht ausrenken.
Die Wirbel sind eng miteinander verwoben. Sie werden von festen Bändern und vielen kleinen Muskelfasern in ihrer Position gehalten. Würde ein Wirbel nur fünf Millimeter verrutschen, wäre das Pferd gelähmt, und es könnte nicht mehr stehen.

Wirbel können maximal schief stehen. Jedoch handelt es sich hierbei höchstens um ein bis zwei Millimeter.“ In den meisten Fällen ist das Gelenk dann aber nicht völlig steif, sondern bewegt sich nur nicht mehr in vollem Umfang. Es ist blockiert.

4. Gelenke leiern aus, wenn man sie zu oft behandelt.
Das ist Unmöglich. Die Gelenke werden durch die Behandlung nicht ausgeleiert.

Im Gegenteil: Wenn Wirbel blockiert sind, stehen Bänder, Sehnen und die Gelenkkapsel unter Spannung. Werden sie langfristig überdehnt, verlieren sie an Stabilität. Je länger man Gelenkblockaden unbehandelt lässt, desto mehr Nachteile entstehen fürs Pferd.
Nach der Justierung erlangen diese Strukturen wieder ihre gewohnte Festigkeit.

5. Ein Gummihammer hilft, blockierte Gelenke zu lösen.
Nur Scharlatane hauen Pferden mit Gummihämmern aufs Kreuz. Das ist zu grob. Es können dabei Knochen verletzt werden, und es entstehen Blutergüsse. Letztere sind durchaus gewollt – der Heilungsprozess soll auf diese Weise beschleunigt werden.
Aber es gibt wesentlich schonendere Handgriffe, die auch die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen. Statt eines Hammers hält der Therapeut häufig ein Holzstäbchen zur Unterstützung der Hände in der Hand. Damit kann er das Pferd leichter mobilisieren. Vorsicht: Hochstapler zücken statt eines Holzstifts ihren Autoschlüssel und ratschen den Tieren übers Fell. Die Reaktionen des Pferds aufs harte Metall mögen spektakulär aussehen, hilfreich sind sie aber nicht.

6. Bei der Behandlung müssen die Knochen krachen.
Falsch! Wenn es laut kracht, sollten Reiter und Besitzer aufhorchen. Dann reiben Knochenflächen aneinander und das ist nicht gesund.

Völlig harmlos und schmerzfrei ist hingegen ein leises Knacken. Solche Geräusche entstehen, wenn es zu einem Druckabfall im Gelenk kommt.
Dort lässt eine Flüssigkeit die Knorpelflächen aneinander haften.

Wird das Gelenk auseinander gezogen oder gestreckt, wird diese Schmiere kurz getrennt, ein Unterdruck entsteht, der die Flüssigkeit wieder zurückströmen lässt. Dieser Druckausgleich kann hörbar sein. Wie gut die Therapeutenhände sind, können Reiter aber nicht am Knacken messen. Dass dabei Arthrose in den Gelenken entstehen kann, ist übrigens auch ein altes Märchen.

7. Osteopathie ist weder schmerzhaft noch gefährlich
Das ist zwar grundsätzlich richtig. Studien belegen auch, dass die Chiropraktik eine risikoarme Methode ist. Beispielsweise kommt es zu weniger neurologischen Komplikationen als bei einer Blutentnahme.
Trotzdem ist diese Methode, genau wie alle anderen Therapien, nur so gut wie derjenige, der sie ausführt.

Die Risiken: Schlechte Therapeuten ignorieren die Abwehrbewegungen des Pferds und mobilisieren kranke Knochen, justieren Gelenke im falschen Winkel oder manipulieren mit hohem Kraftaufwand, indem sie an den Beinen zerren.
Letzteres ist nur Effekthascherei. Bei der Arbeit mit sogenannten langen Hebeln wird nicht nur das blockierte Gelenk behandelt, sondern noch andere. Dadurch werden Bänder und Muskeln überdehnt; Zerrungen und Entzündungen können die Folge sein. Auch die Gelenkkapsel kann gezerrt werden. Reißt der Therapeut gewaltsam am Pferdebein, kann das dem Lymphgeflecht schaden und Schwellungen verursachen. Selbst dauerhafte Lähmungen sind möglich, wenn Nerven zerreißen.

Osteopathie kann auch riskant sein, wenn der Therapeut ernsthafte Erkrankungen nicht bemerkt. Ein umfangreiches tiermedizinisches Wissen ist daher unerlässlich. Ein steif laufendes Pferd könnte beispielsweise auch Hufrehe haben.Dann sollte der Besitzer das Pferd besser erst von einem Tierarzt  behandeln lassen.

8. Je besser der Therapeut, desto kürzer die Behandlungszeit
Welch ein Humbug. Wer behauptet, er könne einem Pferd innerhalb von zehn Minuten helfen, dem sollte man seinTier  nicht anvertrauen. Gute Therapie braucht Zeit. Ein bis eineinhalb Stunden dauert eine Erstuntersuchung plus Behandlung.

Wie lange sich der Osteopath mit Pferd und Reiter beschäftigt, ist daher ein hilfreiches Merkmal, um gute von schlechten Therapeuten zu unterscheiden.

9. Nach der Behandlung brauchen Pferde Boxenruhe
Richtig ist: Nach der Therapie darf das Pferd nicht sofort geritten werden. Es muss sich erst erholen.
Falsch ist: Das Pferd in die Box zu sperren. Es soll sich bewegen, denn behandelte Tiere müssen die neuen Bewegungsmuster erst wieder lernen, damit die Nerven den Muskeln entsprechende Impulse geben können.

Täglich mehrere Stunden Weide- oder Paddockgang und ein gemütlicher Spaziergang sind das ideale Trainings-Programm für die ersten Tage. Frühestens 48 Stunden nach der Behandlung darf das Pferd wieder leicht geritten werden. Gewöhnen Sie es schonend ans normale Training. Und wundern Sie sich nicht: Durch das neue Körpergefühl kann sich anfangs die Rittigkeit verschlechtern. Viele Pferde haben auch einfach Muskelkater.

10. Nach einer Behandlung ist alles wieder gut

Nicht immer. Das ist natürlich abhängig davon, wie groß das Problem ist.
Ist ein Wirbel blockiert, weil das Pferd zuvor auf der Weidegestürzt war, geht es dem Tier meist schon nach einer Behandlung wieder gut.
Daher die Faustformel: Je frischer die Blockade, desto schneller findet das Pferd zu seinen normalen Bewegungen zurück.

Besteht die Blockade bereits seit mehreren Wochen, hat sich die Muskulatur längst unterschiedlich entwickelt. Dann muss das Pferd mehrmals behandelt werden.
Das Tier kann nicht nach wenigen Tagen wieder wie gewohnt geritten werden. Erst muss die Muskulatur gelockert werden, und das kann Wochen dauern. Dann erst sollte das Pferd wieder vorsichtig antrainiert werden.
Manchmal sind auch mehrere Justierungen nötig, bis der Körper die neue Gelenkstellung akzeptiert und sie halten kann.

Aufgrund von Gebäudefehlern oder früheren Verletzungen ist es manchmal gar nicht möglich, schief stehende Wirbel zu korrigieren. Das ist aber nicht weiter tragisch. Jedes Tier hat schief ziehende Muskeln und hat gelernt, damit klarzukommen.

 

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